Leseprobe zu „Hoffnungslos (Ebby Scarborough Buch 2)“

Irgendetwas stimmte nicht mit mir.
Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf, als ich erneut von den Füßen gerissen wurde. Meine Schulter prallte schmerzhaft auf den Boden und ein ersticktes Wimmern entwich meinen Lippen.
Einige lange Momente blieb ich reglos liegen, während ich darauf wartete, dass der Schmerz abebbte.
Es dauerte länger als zuvor. Jedes Mal dauerte es länger.
Weil etwas mit mir nicht stimmte.
Nach vier Wochen des Trainings hätte sich meine Widerstandsfähigkeit verbessern müssen. Stattdessen wurde sie von Mal zu Mal schlechter.
»Komm schon, Baby«, hörte ich Jaydens Stimme, doch ignorierte ihn, während ich mich mühsam aufsetzte. Unbeholfen kletterte ich auf die Füße, straffte meine Schultern und drehte mich mit leicht zitternden Knien zu ihm um.
Er gab mir genau eine Sekunde Zeit, bevor er sein Gewicht verlagerte und sich zur Seite lehnte. Und obwohl ich seine Absicht erkannte, wich ich zu spät aus und sein Bein traf meine Wade. Ein halb erstickter Schmerzenslaut kam über meine Lippen und Tränen schossen mir in die Augen, als ich erneut unsanft auf dem Boden landete.
In meinem gesamten Leben war ich noch nie so oft hingefallen wie in den letzten Wochen. Und jedes Mal stand ich wieder auf, auch wenn ich manchmal einfach liegenbleiben wollte.
»Konzentrier dich«, wies Jayden mich an und ich fixierte ihn mit einem wütenden Blick.
»Du musst mir wenigstens Zeit geben, mich vorzubereiten.« Ich setzte mich auf und rieb mit einer Hand über meinen pochenden Ellbogen, der bei meinem Sturz schmerzhaft auf den Boden geprallt war.
Jayden verschränkte die Arme vor seiner Brust, während er mich mit erhobenen Augenbrauen musterte. »Ein Angreifer wird dir auch keine Zeit geben«, sagte er und sein überheblicher Tonfall machte mich augenblicklich wütend. Tief in mir drin wusste ich natürlich, dass er recht hatte. Nur gerade in diesem Moment, in dem mein gesamter Körper vor Schmerzen und Anstrengung schrie, fiel es mir schwer, den Sinn unseres Trainings zu erkennen.
Es kostete mich all meine Kraft, erneut vom Boden aufzustehen, und ich taumelte kurz, als mich Schwindel überkam. In der nächsten Sekunde wand sich ein starker Arm um meinen Rücken und hielt mich aufrecht. Ich versuchte die Sterne wegzublinzeln, die in meinem Blickfeld aufgetaucht waren.
»Alles in Ordnung?« Jaydens Tonfall war sanft, genau wie seine Finger, die mir die Haare aus der Stirn strichen. Seine Haut war warm, doch die Berührung sendete keinen Schock und auch kein Kribbeln mehr durch meine Adern. Seit dem Zauber, der mich wieder zum Leben erweckt hatte, war dieser seltsame Effekt verschwunden. Was nicht hieß, dass ich seine Berührungen nicht immens genoss.
Für einen kurzen, wundervollen Moment, ließ ich mich gegen ihn sinken und lehnte mein Gesicht in seine Hand.
Dann biss ich meine Zähne aufeinander und nickte, während ich mich aus seiner Umarmung löste. Widerwillig ließ er mich gehen und ich trat einige Schritte zurück, ballte meine Hände zu Fäusten und sah ihn erwartungsvoll an.
Ein kleiner Teil von mir hoffte, dass er unser Training beenden und mich stattdessen erneut in seine Arme ziehen würde. Doch diese Hoffnung war kurzlebig, denn er zögerte nicht, sondern schoss augenblicklich auf mich zu. Ich duckte mich unter seinem Arm hindurch, wirbelte herum und sprang auf seinen Rücken, meine Beine um seine Taille gewickelt und einen Arm um seine Kehle gewandt.
Ich weiß nicht, wer überraschter von meiner Aktion war, Jayden oder ich.
Wahrscheinlich er, denn als ich mich ruckartig zurücklehnte, verlor er sein Gleichgewicht und fiel nach hinten. Im letzten Moment warf er sich zur Seite, sodass ich nicht unter seinem schwereren Körper begraben wurde. Ich japste kurz, als ich erneut auf meine Schulter prallte.
Blitzschnell rollte er herum und sah mich verwundert an.
»Nicht schlecht«, murmelte er, doch ich konnte nicht antworten, da ich vorübergehend keine Luft bekam. Die Verwunderung in Jaydens Augen wich Besorgnis, als er sich auf einen Ellbogen stützte und mit seiner anderen Hand sanft über meine Wange strich. »Was ist …?«
»Mir geht´s gut«, unterbrach ich ihn und setzte mich auf, während ich schmerzhaft Luft holte. Ich wollte nicht, dass er sich Sorgen um mich machte.
Obwohl ich besser sagen sollte noch mehr Sorgen. Denn Jayden sorgte sich ständig um mich.
Seit ich vor vier Wochen von den Toten wieder auferstanden war, verließ er kaum noch meine Seite. Es war egal, wie oft ich ihm versicherte, dass es mir gut ging und dass mich niemand mehr entführen würde. Jayden schien nicht davon überzeugt zu sein. Und um ehrlich zu sein war ich selbst es auch nicht wirklich. Die Angst, dass mich erneut jemand gefangen nehmen könnte saß tiefer, als ich zugeben wollte.
Wenn ich Jayden nun erzählte, dass mir bereits seit mehreren Tagen ständig übel war, würde seine Besorgnis mit Sicherheit vollkommen neue Ausmaße annehmen, und das wollte ich um jeden Preis verhindern.
Und jetzt mal ehrlich, was war schon ein bisschen Übelkeit? Ich hatte immerhin Folter und meinen eigenen Tod überlebt.
Das hier ist anders. Irgendetwas ist nicht in Ordnung.
Ich schüttelte meinen Kopf, um die unerwünschten Gedanken zu vertreiben.
»Nur ein bisschen schwindelig«, versicherte ich Jayden, der mich immer noch besorgt ansah. Doch ich sprach mehr mit mir selbst. Denn das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmte, ließ sich nicht so einfach abschütteln.
Ich zwang mich, zu lächeln. »Es geht schon wieder. Wirklich. Mir geht’s gut.« Wie gerne ich die Worte selbst geglaubt hätte.
Jayden runzelte leicht die Stirn, dann sprang er auf die Füße. »Diese Runde geht an dich«, teilte er mir mit und grinste anerkennend, auch wenn seine Augen immer noch besorgt aussahen. Er ergriff meine Handgelenke und zog mich nach oben.
Ich nickte, während ich versuchte, die aufsteigende Übelkeit hinunterzuschlucken.
Jaydens Grinsen verschwand und er sah mich durchdringend an. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, flog die Tür auf und Raul betrat den Raum.
»Hey Jay, Hey Ebby«, begrüßte er uns fröhlich, während er aus seiner Jacke schlüpfte und eine graue Sporttasche auf die Bank neben der Tür warf.
»Hi Raul«, erwiderte ich schnell und lächelte ihn an. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Jayden mich immer noch aufmerksam studierte. Dann wandte er widerwillig den Kopf und ging hinüber zu seinem Freund.
Die Übelkeit verstärkte sich und ich sah verstohlen zu Jayden und Raul, die mich jedoch kurzzeitig vergessen hatten und in ihr Gespräch vertieft waren. Unbemerkt von beiden ging ich hinüber zum Bad, wo ich auf den Toilettendeckel sank und das Gesicht zwischen meinen Knien vergrub.
Eine Minute später schlug Jayden gegen die Tür. »Ebby!«
Wieso musste er sich nur ständig solche Sorgen um mich machen, dachte ich missmutig. Konnte ich nicht mal in Ruhe meine Übelkeit genießen?
Ich holte tief Luft und endlich schien der Kloß in meinem Hals zu verschwinden und die Übelkeit ebbte langsam ab.
»Ich komme sofort«, erwiderte ich. Meine Stimme klang dünn und ich verzog den Mund. Mühsam hievte ich mich auf die Füße, öffnete die Tür und sah Jayden mit einem unschuldigen Lächeln fragend an.
Er musterte mich schweigend, augenscheinlich nicht überzeugt von meiner aufgesetzten Heiterkeit. Wortlos schob ich mich an ihm vorbei, doch im letzten Moment ergriff er mein Handgelenk und sah mich kritisch an.
»Was ist los?«, fragte er leise und ich schluckte schwer. Das Lächeln verschwand von meinen Lippen.
»Nur ein bisschen übel«, murmelte ich und senkte meinen Blick. »Es geht schon wieder.« Ich entriss mein Handgelenk seinem Griff und ging hinüber zu Raul.
»Ebby«, hörte ich Jaydens warnende Stimme hinter mir, doch ich ignorierte ihn, während ich vor Raul stehen blieb und mit meinem zweiten Training begann.
Seit vier Wochen trainierte ich fast täglich.
Unser Trainingsraum befand sich im Keller eines kuriosen kleinen Fitnessstudios in Brooklyn. Ich hatte keine Ahnung, um was für eine Einrichtung es sich handelte und Jayden hatte mir lediglich gesagt, dass sein Freund Marc den Besitzer kannte und er uns umsonst dort trainieren ließ. Und ja, es war derselbe Marc, der bereits einige Monate zuvor eine Leiche für Jayden und mich hatte verschwinden lassen.
Ich hatte mich entschieden, nicht zu viele Fragen zu stellen. Es erschien besser, wenn ich nicht mehr wusste, als unbedingt nötig.
Jayden und ich waren uns einig, dass ich lernen musste, mich zu verteidigen, falls ich erneut von einem Jäger angegriffen wurde. Bis jetzt half es zwar nicht, seine Sorge um mich auch nur im Geringsten zu schmälern, aber ich kam mir wenigstens nicht mehr vollkommen unbeholfen vor. Allerdings war ich absolut sicher, dass meine Kampfkünste gegen einen Jäger genauso nutzlos sein würden wie meine Magie, da ich unterirdisch schlecht im Kämpfen war.
Peinlicherweise war es Jayden gewesen, der mich darauf hatte hinweisen müssen, dass ich nicht nur meine körperlichen, sondern ebenfalls meine magischen Kampfkünste schulen musste.
Meine Freundinnen Ashley, Sam und Jess hatten mir letzten Sommer beigebracht, meine Magie zu kontrollieren. Aber in einer einzigen, tragischen Nacht war es passiert, dass ich aus lauter Panik meine Kraft falsch eingeschätzt und einen Menschen umgebracht hatte. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass er mich angegriffen und versucht hatte, mich zu vergewaltigen.
Da Jayden als Jäger immun gegen meine Magie war, hatte er seinen Freund Raul gebeten, mein »magischer Trainingspartner« zu sein. Offenbar hatten die beiden in der Vergangenheit bereits miteinander trainiert und Jayden hatte Raul aus der Klemme geholfen – seine Wortwahl, nicht meine.
Wann immer ich nach Details fragte, wurden beide auf einmal sehr schweigsam. Irgendwann musste ich diese Geschichte aus Jayden herauskitzeln, doch ich wartete immer noch auf den richtigen Moment.
Auf jeden Fall wusste Raul über Hexen Bescheid und war mehr als glücklich gewesen, uns zu helfen.
»Wir hatten doch gesagt, dass du aufhören musst, dich zu entschuldigen«, ermahnte er mich gerade, doch es fiel mir immer noch schwer. Meistens schaffte ich es, auf eine Entschuldigung zu verzichten, doch diesmal hatte ich ihn mit mehr Kraft gegen die Wand geschleudert als beabsichtigt. Etwas, das mir seit über einer Woche nicht mehr passiert war. Raul trug einen Schutzhelm und jede Menge Polster, aber dennoch mussten meine Angriffe schmerzen.
Jayden saß vornübergebeugt auf der Bank an der Wand, die Ellbogen auf seine Knie gestützt, und ich sah, wie er mich aus verengten Augen kritisch musterte. Mit einer raschen Bewegung sprang er plötzlich auf die Füße und kam zu mir herüber.
»Ich denke, es reicht für heute«, sagte er bestimmt und nickte Raul kurz zu, der sich daraufhin den Helm vom Kopf zog und hinüber zu seiner Sporttasche ging.
Ich wollte protestieren und Jayden mitteilen, dass ich selbst bestimmen konnte, wann ich genug hatte. Was bildete er sich eigentlich ein, irgendwelche Entscheidungen für mich zu treffen?
Doch in diesem Moment schien plötzlich alle Kraft meinen Körper zu verlassen und ich fühlte mich zu erschöpft, um mit ihm darüber zu streiten. Dieses eine Mal würde ich akzeptieren, dass er eine Entscheidung für mich traf. Aber wirklich nur dieses eine Mal.
Er blieb vor mir stehen, legte einen Finger unter mein Kinn und zwang mich sanft, ihn anzusehen.
»Alles in Ordnung?«, fragte er mich und als ich meinen Mund öffnete, um zu beteuern, dass es mir gut ging, hob er warnend eine Hand. »Sag nicht, es geht dir gut. Ich hab gesehen, wie du geschwankt hast und du warst kreidebleich, als du eben aus dem Bad kamst. Außerdem hattest du deine Magie nicht komplett unter Kontrolle, was schon lange nicht mehr vorgekommen ist.«
Es erstaunte mich immer noch, mit welcher Leichtigkeit er inzwischen über meine magischen Fähigkeiten sprechen konnte. Als ich ihn vor Kurzem danach gefragt hatte, hatte er lediglich mit den Schultern gezuckt und gesagt: »Sie sind ein Teil von dir, Baby. Und ich liebe alles an dir. Außerdem tragen sie dazu bei, dass du nicht wehrlos bist. Und alles, was dich stärker macht, befürworte ich von ganzem Herzen.«
Natürlich war ich absolut dahingeschmolzen.
Jayden hatte ein Talent dafür, die romantischsten Dinge in den alltäglichsten Situationen zu sagen, ohne kitschig zu klingen. Ich hingegen stolperte über die einfachsten Liebeserklärungen. Aber ich arbeitete daran, in der Hoffnung, ihm irgendwann genauso eloquent sagen zu können, was er mir bedeutete.
Natürlich brauchte er eigentlich gar nichts zu sagen, denn schließlich hatte er vor ein paar Wochen sein Leben für mich geopfert.
Eine Schuld, die ich niemals würde begleichen können.
»Hey.« Jaydens Stimme riss mich aus meinen Gedanken und ich sah ihn verwirrt an. Seine Hände glitten zu meinen Schultern und seine Blicke durchbohrten mich. »Wo warst du gerade?«
»Du bist so romantisch«, platzte es aus mir heraus und er hob eine Augenbraue.
»Manchmal«, erwiderte er schließlich und ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um einen sanften Kuss auf seinen Mund zu pressen. Seine Lippen waren warm und weich und am liebsten hätte ich mich an ihn geklammert und nie wieder losgelassen.
Stattdessen lehnte ich mich zurück, als mich erneut Übelkeit überkam. »Lass uns gehen«, sagte ich und er wand einen Arm um meine Schultern.
Kurze Zeit später verließen wir den Trainingsraum und traten hinaus auf den Gehweg. Ein eisiger Novemberregen schlug mir entgegen und ich hob mein Gesicht zum grauen Abendhimmel.
Raul verabschiedete sich von uns, da er nicht zurück ins Hotel, sondern zu seiner Wohnung fuhr. Jayden und ich wohnten immer noch im Elysium, dem Luxushotel, in dem Raul als Manager arbeitete. Und ja, langsam wurde es Zeit für eine neue Wohnung, aber die Suche gestaltete sich schwieriger als angenommen, was möglicherweise an mir lag.
Okay, okay, es lag auf jeden Fall an mir, weil ich alle Wohnungen, die wir bis jetzt angesehen hatten, abgelehnt hatte. Aber es gab Gründe dafür.
Jayden hielt mir die Beifahrertür seines Sportwagens auf und ich glitt in den Sitz. Meine regennassen Haare klebten an meiner Stirn und eisige Wassertropfen rannen mein Gesicht hinab. Sie fühlten sich gut an auf meiner viel zu warmen Haut. Ich lehnte meine Wange gegen die kühle Scheibe und schloss meine Augen.
Nur für einen kurzen Moment, sagte ich mir selbst. Nur bis wir Manhattan erreichten.

Wohlige Wärme umgab mich und ich presste mein Gesicht enger an den weichen Stoff, atmete Minze und Regen und etwas unbeschreiblich Wundervolles ein.
Dann öffnete ich ruckartig meine Augen und blickte mich erschrocken um.
»Was …?« Ich zuckte zusammen, doch Jaydens Arme hielten mich fest gegen seinen Körper gepresst, während er mich durch die Lobby des Elysiums trug.
Er sah mich lächelnd an. »Du bist eingeschlafen und ich wollte dich nicht wecken.«
»Oh.« Ich hatte keinerlei Erinnerung an die Fahrt oder daran, dass wir das Hotel erreicht hatten. Ein so tiefer Schlaf war ungewöhnlich für mich. »Du kannst mich runterlassen«, sagte ich und legte meine Hände gegen seine Brust, woraufhin er seinen Griff noch verstärkte.
»Keine Chance«, erwiderte er und presste einen Kuss in meine Haare.
Ich war zu erschöpft, um mit ihm darüber zu streiten, dass ich sehr gut alleine gehen konnte. Stattdessen ließ ich meine Wange erneut gegen seine Schulter sinken.
Als ich das nächste Mal meine Lider hob, lag ich neben Jayden in unserem übergroßen Hotelbett und das Zimmer war dunkel.
Wie konnte ich so erschöpft sein, dass ich nicht einmal merkte, wenn Jayden mich aus dem Auto bis in mein Zimmer trug? Das war nicht normal.
Natürlich ist es nicht normal, dachte ich. Weil etwas mit dir nicht stimmt, wann siehst du das endlich ein?
Ich drehte mich auf den Rücken und starrte an die Decke.
Der Schwindel hatte zuerst begonnen. Dann die Kurzatmigkeit. Nun kam meine völlige Erschöpfung dazu. Und zu allem Überfluss war da diese seltsame Übelkeit, mit der ich auch in diesem Moment zu kämpfen hatte.
Ich versuchte, die Symptome zu analysieren, doch mein medizinisches Wissen hielt sich in Grenzen und ich konnte mir keinen Reim darauf machen.
Vorsichtig, damit ich Jayden nicht weckte, schob ich die Decke zur Seite und schwang meine Beine über die Bettkante. Dann tapste ich über den dicken Teppich hinüber zum Bad und sank neben der Toilette auf die kalten Fliesen. Die Übelkeit ließ nicht nach und ich legte einen Arm über meine Augen und lehnte meinen Kopf gegen die Wand. Lange Zeit saß ich einfach nur da, bis Jaydens Stimme mich aus meinen Gedanken riss.
»Ebby?«
Erst als ich seinen schockierten Blick sah, fiel mir auf, dass Tränen meine Wangen hinab rannen. In der nächsten Sekunde kniete er neben mir und zog mich eng gegen seine Brust, strich mir beruhigend über den Rücken und ich schluchzte laut.
»Was ist passiert?«, fragte er besorgt.
»Nichts. Es geht mir gut«, erwiderte ich, doch meine Stimme klang halb erstickt von meinen Schluchzern und Jayden verzog missbilligend seinen Mund.
»Hör auf, mich zu belügen. Was ist los?«, verlangte er zu wissen und ich senkte meinen Blick.
»Ich weiß es nicht«, flüsterte ich und krallte meine Finger in sein T-Shirt. »Irgendwas ist … irgendetwas stimmt nicht, Jayden.« Seine Arme verkrampften sich um meinen Körper und einige Sekunden lang sagte er nichts.
»Ich weiß«, murmelte er schließlich und ich sah ihn erstaunt an. Er holte tief Luft. »Du bist seit Tagen viel zu blass, rennst ständig ins Bad und bist offensichtlich vollkommen erschöpft.« Ich starrte ihn schweigend an und anstatt einer Antwort schluchzte ich erneut und vergrub mein Gesicht an seiner Brust.
Es war, als würde die ganze Verzweiflung der letzten Tage aus mir herausbrechen. All die Male, die ich darüber nachgegrübelt hatte, was mit mir nicht stimmte. Immer wieder hatte ich versucht, mir einzureden, alles wäre in Ordnung. Hatte nicht glauben wollen, dass ich womöglich krank war. Doch Jaydens Worte schienen meine Vermutungen, meine Ängste, plötzlich real zu machen. Und wenn sie real waren, konnte ich sie nicht länger leugnen.
Vorsichtig schob er einen Arm unter meine Knie und hob mich hoch. »Wir klären das morgen ab«, sagte er und seine Stimme war sanft. Er presste einen Kuss in meine Haare und ich sah ihn durch einen Tränenschleier hindurch an. Er versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht.