Jaydens POV

„Grahams versus Williams“

Ich konnte den Blick in ihren Augen schon seit Stunden nicht vergessen.
Während ich gekämpft und geschrien hatte, hatte sie lediglich dort gestanden und es geschehen lassen. Und im ersten Moment hatte ich nicht verstanden, wieso.
Doch dann hatte ich ihr Gesicht durch die Scheibe des Polizeiautos gesehen, und plötzlich hatte ich es begriffen. Sie war überzeugt davon, dass sie verdiente, was ihr geschah. Sie glaubte, dass dies die gerechte Strafe war für das, was sie diesem Widerling angetan hatte. Wieso konnte sie nicht sehen, dass sie nichts falsch gemacht hatte?
Ich betrat den dunklen Flur meines Apartmentgebäudes und kletterte langsam die Stufen empor. Auf dem letzten Treppenabsatz vor meiner Wohnung hielt ich inne, als ich leise Stimmen hörte.
Bekannte Stimmen.
In zwei großen Sätzen nahm ich die letzten Stufen und erreichte die Tür zu meinem Apartment. Es war dunkel, lediglich das Licht, welches durch die großen Fenster hereinfiel, erhellte die drei Frauen, die in meinem Wohnzimmer standen.
Ich ballte meine Hände zu Fäusten, die Muskeln in meinen Armen plötzlich zum Zerreißen gespannt. Sie hatten sich wirklich keinen guten Zeitpunkt ausgesucht, um in meine Wohnung einzubrechen.
Ich trat über die Schwelle und betätigte den Lichtschalter. Die drei wirbelten herum und fixierten mich mit bösen Blicken. Sie schienen nicht erschrocken oder überrascht über mein plötzliches Erscheinen zu sein, was mir zeigte, dass sie auf mich gewartet hatten.
Ganz schlechter Zeitpunkt, dachte ich erneut und schluckte schwer.
»Was wollt ihr?«, zischte ich mit zusammengebissenen Zähnen.
»Wo ist Ebby?« Ashleys Stimme war anklagend und zitterte leicht, doch ihr Gesichtsausdruck war hart.
Ich sah sie schweigend an und öffnete meine rechte Hand, dann ballte ich sie erneut zur Faust. Sie dachte tatsächlich, ich wäre verantwortlich für Ebbys Verschwinden? Natürlich dachte sie das. Ich war ein Jäger. Und offensichtlich wusste sie, dass Ebby sich mit mir getroffen hatte.
Ihr Blick huschte kurz zu meinen Fingern, dann verengte sie ihre Augen.
»Wo ist sie, Williams?«
»Nicht hier.«
Vor meinem geistigen Auge sah ich erneut Ebbys letzten Blick. Sah die Resignation, die Akzeptanz. Als hätte sie es verdient, von der Polizei festgenommen zu werden. Und das nur, weil sie sich gewehrt hatte.
Ich schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte mich auf die drei Frauen vor mir. Die drei Hexen vor mir, erinnerte ich mich. Doch das Wort hatte seine frühere, absolut und unwiderruflich negative Bedeutung für mich verloren, stellte ich erstaunt fest.
»Was hast du mit ihr getan?«, fragte Jess und ich sah, wie sie einen verstohlenen Blick hinüber zum Bett warf. Die Laken waren zerknittert und ich schloss kurz meine Augen, als Erinnerungen an die letzte Nacht in mir aufstiegen.
»Ihr solltet verschwinden«, sagte ich leise und sah sie wieder an.
Dies hier waren Ebbys Freundinnen. Sie wollten ihr helfen.
»Das hättest du wohl gerne«, erwiderte Ashley und straffte ihre Schultern.
Ebby würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihnen etwas antat.
»Wo ist Ebby?«, fragte Sam und trat einen Schritt auf mich zu. Ich hob meine Augenbrauen und sie hob ihr Kinn.
»Sie ist nicht …«
»Verdammte Scheiße, Williams!«, schrie Ashley plötzlich und ich hörte einen seltsam bedrohlichen Unterton in ihrer Stimme. »Sag uns, wo sie ist.« Sie sah mich aus böse funkelnden Augen an und als ich nicht reagierte, hob sie ihren Arm in einer ruckartigen Geste. Ich wusste nicht, was genau sie damit bezwecken wollte, doch anhand ihres überraschten Gesichtsausdrucks schloss ich darauf, dass sie versucht hatte, Magie gegen mich einzusetzen.
Was absolut nutzlos war. Ich war ein Jäger, was ihr durchaus bewusst sein sollte.
Sie ließ ihren Arm sinken und sah hilfesuchend zu ihren Cousinen. Jess streckte ihren Arm nach vorne, doch nichts geschah. Ich starrte kurzzeitig an die Decke und bohrte meine Finger in meine Handflächen.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Sams Finger zuckten und im nächsten Moment flog die Kommode vom anderen Ende des Raumes auf mich zu und prallte gegen meine Seite. Ein stechender Schmerz schoss durch meine Schulter und ich biss die Zähne zusammen, doch rührte mich nicht, blieb wie angewurzelt an meinem Platz stehen und sah sie lediglich schweigend an.
Mit Magie bewegte Gegenstände hatten kaum Wirkung auf mich. Und die Wirkung, die sie hatten, konnte ich schnell abschütteln. Ich war Schmerzen gewöhnt. Heilte schnell.
Alle drei starrten mich mit offenen Mündern an. Dann sprang Ashley plötzlich nach vorne und stürzte sich auf mich. Ich machte einen Schritt zur Seite, sodass sie an mir vorbeiflog, und packte ihr Handgelenk. Ein elektrischer Schlag jagte durch meinen Körper und sie holte zischend Luft. Ich riss sie zurück, sodass ihr Rücken gegen meine Brust prallte, und wickelte meinen anderen Arm um ihre Kehle.
Sie versuchte augenblicklich, mich zu treten, doch ich fixierte ihre Füße mit einem meiner Beine. Sie wand sich hin und her in einem verzweifelten Versuch, meinen Griff zu lösen, doch sie hatte keine Chance.
Sie war kleiner als ich und ich musste unweigerlich an Ebby denken und daran, wie sich ihr Körper in meinen Armen angefühlt hatte.
Ashley riss ruckartig ihren Kopf zur Seite und ihre Zähne kratzen über meinen Arm. Hatte sie gerade allen Ernstes versucht, mich zu beißen?
Ich verstärkte meinen Druck gegen ihren Hals und sie wurde still, stand reglos in meiner Umklammerung. Ich konnte ihre Wut spüren, ihr gesamter Körper schien zu beben, und ich dachte erneut an Ebby. Ich erinnerte mich daran, wie ich sie in jener Nacht auf der Straße gefunden hatte, wie sie gegen meinen Körper geschlagen hatte. Sie war wütend gewesen, aber nicht wütend genug.
Ashley schien in eben diesem Moment wütender zu sein, als Ebby es gewesen war. Ashley war wütender, weil ich sie festhielt – denn mehr tat ich nicht – als Ebby jemals gewesen war, obwohl ihr ungleich schrecklichere Dinge angetan worden waren.
Wieso war sie nicht immer noch außer sich vor Wut?
Ashley bewegte ihren Arm und rammte ihren Ellbogen in meinen Bauch. Ich ließ sie los. Nicht, weil sie mir sonderlich wehgetan hatte, sondern weil der Gedanke an Ebby jegliche Kraft aus meinem Körper zu saugen schien. Und weil mir bewusst wurde, dass ich niemanden gegen seinen Willen festhalten wollte.
Die Vorstellung, dass Ebby in genau diesem Moment alleine in einer dunklen Zelle lag, war auf einmal unerträglich für mich.
Ashley sprang zur Seite und sah mich erstaunt an, als könnte sie selbst nicht fassen, dass ich sie hatte gehen lassen. Sie öffnete ihren Mund, doch ich kam ihr zuvor.
»Sie wurde verhaftet«, sagte ich und atmete langsam aus um mein wild pochendes Herz zu beruhigen.
»Sie … ?«
»Was?«
»Aber wieso?«
Alle drei sprachen gleichzeitig und starrten mich fassungslos an. Ich ging langsam durch den Raum und sank auf das Sofa, wo ich mein Gesicht in meinen Händen vergrub, während ich in kurzen, knappen Sätzen berichtete, was geschehen war.
Als ich geendet hatte, spürte ich, wie Ashley neben mir auf die Couch sank, und ich sah langsam zu ihr hinüber. Ihre Augen waren groß und sie schluckte schwer, während sie mich interessiert musterte.
»Wir holen sie da raus, Jayden«, sagte sie leise, als müsse sie mich beruhigen.
»Keine Sorge«, versicherte Sam mir und Jess nickte eindringlich.
Es war ein seltsames Gefühl, stellte ich zehn Minuten später fest, mit drei Hexen in meinem Wohnzimmer zu sitzen und zu beratschlagen, wie wir Ebby aus dem Gefängnis befreien konnten. Der Plan der drei war simpel. Sie wollten in die Polizeistation marschieren und Ebby mithilfe von Magie rausholen.
Doch als ich ihnen meinen eigenen Vorschlag mitteilte, stimmten sie überraschend schnell zu.
Einige Minuten vergingen schweigend. Es war eine unangenehme Stille, voller unausgesprochener Gedanken und Vorbehalte. Ich konnte die Spannung in der Luft förmlich spüren. Wir waren nicht hier, weil wir uns mochten. Wir waren hier, weil Ebby uns brauchte. Weil wir trotz unserer Unterschiede und Differenzen eines gemeinsam hatten: unsere Sorge um Ebby. Denn ich konnte nicht leugnen, dass sie gute Freundinnen waren, denen ernsthaft etwas an ihrem Wohlergehen lag.
Plötzlich setzte Ashley sich aufrechter hin und deutete mit dem Kinn über ihre Schulter zur Eingangstür.
»Du brauchst im übrigen eine bessere Alarmanlage«, sagte sie und ich folgte stirnrunzelnd ihrem Blick. »Es war viel zu einfach, deine unschädlich zu machen.«
Ich sah sie wieder an. »Das ist das Bedienelement der Klimaanlage«, teilte ich ihr mit und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.
»Ich werde Ebby sagen müssen, dass du eine bessere Art der Einbrecherabwehr brauchst«, murmelte sie nachdenklich, dann zuckte sie mit den Schultern und ließ sich erneut gegen das Kissen sinken.