Leseprobe zu „Machtlos (Ebby Scarborough Buch 1)“

Kapitel 1

Dreizehn Minuten.
Solange saß ich schon hier und wartete.
Dreizehn quälend lange Minuten, in denen ich über meine eigene Dummheit und Naivität nachdenken konnte.
Hatte ich wirklich geglaubt, in einem Onlineportal namens hexe-heute.net jemanden kennenzulernen? War ich wirklich so verrückt zu hoffen, Freundinnen zu finden?
Ich schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf, bevor ich nach meiner Handtasche griff und von meinem Hocker an der Bar heruntersprang. Ich blickte zur Bedienung, um ihr mitzuteilen, dass ich zahlen wollte, doch sie hob ihre Hand und bedeutete mir, zu warten. Seufzend glitt ich zurück auf den Hocker und stützte meine Ellbogen auf die Theke. Dann ließ ich meine Stirn in meine Hände gleiten und starrte auf das dunkle Holz.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie jemand durch die Tür hinter der Bar den Raum betrat und mit der Bedienung sprach. Sie lachte laut und ich verzog das Gesicht. Wieso hatten heute alle Spaß, nur ich nicht?
Es war Samstagabend und ich war erbärmlich.
Oh gut, dachte ich. Selbstmitleid hilft dir sicher weiter.
»Was kann ich für dich tun?«, fragte eine männliche Stimme plötzlich direkt neben mir.
»Kein Interesse«, murmelte ich, ohne den Kopf zu heben, machte jedoch eine wegwerfende Bewegung mit meiner Hand, um zu zeigen, dass ich meine Ruhe haben wollte, falls meine Worte dies nicht klar genug rüberbrachten.
»Schlechter Abend?«, fragte er und ich konnte ein Lächeln in seiner Stimme hören.
»Schlechtes Jahr«, murmelte ich, bevor ich mich selbst davon abhalten konnte. Dann presste ich entsetzt meine Lippen aufeinander und senkte mein Gesicht noch tiefer.
Vielleicht hatte er mich nicht gehört?
Diese Hoffnung starb, als er leise lachte.
»Was kann ich für dich tun?«, fragte er erneut und nun hob ich genervt den Kopf.
»Ich habe wirklich kein Interesse an …«, die Worte blieben mir im Halse stecken, als ich ihn sah. Nicht, weil er umwerfend aussah, was er tat, mit seinen funkelnd blauen Augen, goldblonden Haaren und vollen Lippen. Sondern weil auf seinem schwarzen T-Shirt, welches die Konturen seines muskulösen Oberkörpers perfekt umarmte, das Wort Underworld zu lesen war, der Name des Clubs, an dessen Bar ich gerade saß. Er war offensichtlich die Ablösung der soeben verschwundenen Bedienung.
»Ähm …«, stotterte ich. War das wirklich meine Stimme, die halb erstickt und piepsig klang? Ich räusperte mich.
Die Augen des Barkeepers funkelten belustigt, während sein Blick über mein Gesicht und meine nackten Arme glitt. Seine Lippen öffneten sich und er fuhr mit seiner Zunge darüber. Ich atmete hörbar ein und ein Grinsen huschte über sein Gesicht, bevor er seine Lippen aufeinanderpresste und mich erwartungsvoll ansah.
»Ich würde gerne zahlen«, sagte ich und obwohl ich mich bemühte, meine Stimme fest und zuversichtlich klingen zu lassen, wirkten die Worte atemlos. Aber wenigstens nicht mehr piepsig. Ich wusste auch die kleinen Dinge zu schätzen.
»Sicher«, sagte er und nickte. Sein Blick glitt von meinen Augen hinab zu meinen Lippen und dann tiefer.
Ich kreuzte meine Arme verlegen vor meiner Brust, denn ich hatte auf einmal das Gefühl, meine Kleidung sei nicht genug, um seine Blicke abzuhalten. Er schien tiefer zu blicken, vorbei an meinem Oberteil und nicht in anzüglicher Weise. Sein Blick schien mitten in mein Inneres zu ragen, dorthin, wo ich so lange niemanden hatte hinschauen lassen. Wo ich all die dunklen Gedanken und Erinnerungen aufbewahrte, die niemand sehen sollte.
Ich rutschte unbehaglich auf meinem Hocker hin und her und er schloss kurz die Augen, bevor er sich abwandte.
In dem Moment, in dem seine Blicke mich verließen, atmete ich erleichtert aus und hatte das Gefühl, zehn Pfund leichter zu sein. Wie hatte er mit nur einem Blick solche Emotionen in mir ausgelöst?
Bevor ich die Frage zu Ende durchdenken konnte, war er zurück und stellte ein Glas mit einer goldenen Flüssigkeit vor mir auf den Tresen.
»Ich hab nichts bestellt«, sagte ich entrüstet.
»Auf mich«, erwiderte er und sah mich erwartungsvoll an.
»Nein Danke.«
Er lehnte sich zurück, kreuzte die Arme vor seiner Brust und musterte mich interessiert.
Und auf einmal dachte ich mir, was soll’s? Wieso eigentlich nicht? Es war Samstagabend. Ich saß alleine an der Bar. Ich hatte mir einen Drink verdient. Ich ergriff das Glas, nickte ihm kurz zu, setzte es an meine Lippen und trank es in einem Schluck aus.
Die Flüssigkeit brannte wie Benzin in meiner Kehle und Tränen schossen mir in die Augen. Ich hustete laut.
Er hob eine seiner perfekten Augenbrauen und sah mich belustigt an. Dann neigte er den Kopf zur Seite und runzelte kaum merklich die Stirn, als stelle ich ein Rätsel dar, welches er nicht lösen konnte. Eine Sekunde später klärte sich sein Blick und seine Augen blitzten auf.
»Noch einen?«, fragte er und bevor ich mich bewusst entschieden hatte, nickte ich. Er grinste, drehte sich kurz um und stellte dann ein neues Glas vor mir auf die Theke. Er füllte es mit derselben, goldenen Flüssigkeit.
Da ich keine Ahnung von Alkohol hatte und das Etikett auf der Flasche nicht lesen konnte, wusste ich nicht, was er mir einschenkte, doch es machte nichts. Die Flüssigkeit des ersten Glases brannte wundervoll in meinem Magen und ich war im Begriff, den Inhalt des zweiten direkt hinterher zu schütten.
»Langsam«, warnte er und lehnte sich zu mir. Er kniff kurz nachdenklich die Augen zusammen, dann legte er eine Hand auf meine Finger, um mich zu stoppen.
Ein wundervolles Kribbeln breitete sich von meiner Hand, über meinen Arm und in den Rest meines Körpers aus und ich starrte ihn fasziniert an. Er zog seine Finger ein paar Zentimeter zurück, ließ seine Hand jedoch über meiner schweben, während er meinen Blick erwiderte. Seine Stirn war gerunzelt und seine Augen verengt. Die dunklen Pupillen hatten fast das gesamte Blau seiner Iris überschattet. Mein Blick fiel zu seinem Hals und ich sah den hämmernden Puls unter seiner sonnengebräunten Haut. Bevor meine Augen noch tiefer wandern konnten, schloss ich sie kurz und zwang mich, erneut in sein Gesicht zu sehen.
Er sah mich immer noch mit einer Mischung aus Faszination und Unverständnis an.
»Wie ist dein Name?«, fragte er auf einmal und seine Stimme klang rau und sinnlich. Gänsehaut kroch über meine Arme.
»Ebby«, erwiderte ich, und wieso flüsterte ich eigentlich?
Er nickte stumm und wandte seinen Blick meiner Hand zu. Dann, ganz langsam, senkte er seine Hand ein weiteres Mal und legte seine Finger auf meine. Erneut breitete sich ein warmes Kribbeln durch meine Adern aus. Er runzelte die Stirn und neigte seinen Kopf zur Seite.
»Seltsam«, murmelte er kaum hörbar, bevor er seine Hand sinken ließ. Er schloss kurz die Augen und schüttelte seinen Kopf, als wolle er seine Gedanken klären.
Als er sie wieder öffnete, waren seine Pupillen auf normale Größe geschrumpft und seine Augen funkelten erneut strahlend blau.
»Ebby«, sagte er und lächelte. »Schön, deine Bekanntschaft zu machen. Du solltest langsamer trinken.« Er zwinkerte mir zu, bevor er sich umdrehte und zum anderen Ende der Theke ging, wo er damit begann, Gläser zu spülen.
Mein Mund öffnete sich und ich starrte ihm fassungslos hinterher. Ich musste langsamer trinken? Was fiel ihm eigentlich ein? Ich konnte trinken, so schnell und so viel ich wollte.
Um ihm genau das zu beweisen, leerte ich das zweite Glas in einem Zug, knallte es auf die Theke und hustete gleich darauf lautstark, als die brennende Flüssigkeit meinen Hals hinab glitt.
Ich sah, wie seine Schultern in einem stummen Lachen bebten, doch er drehte sich nicht zu mir um.
Frechheit, dachte ich, riss meine Handtasche von der Bar und sprang von meinem Hocker.
Schwindel breitete sich in meinem Kopf aus und ich hielt mich mit einer Hand an der Theke fest, um mich aufrecht zu halten. Vielleicht hätte ich doch langsamer trinken sollen.
»Ebby?«, hörte ich eine helle Stimme und blickte zur Seite.
Direkt neben mir stand eine zierliche Person, einen halben Kopf kleiner als ich, mit dunklen, welligen Haaren, die bis knapp unter ihre Schultern fielen. Sie trug eine enge schwarze Jeans, knallrote hochhackige Schuhe und ein grünes Top mit einem tiefen, V-förmigen Ausschnitt. An ihren Ohren baumelten große, silberne Ringe, die sanft hin und her schwangen.
Als ich keine Anstalten machte, zu antworten, sondern sie nur sprachlos anstarrte, stemmte sie ihre Hände in die Hüften, setzte ein strahlendes Lächeln auf und sagte »Ich bin Ashley. Tut mir leid, dass du so lange warten musstest.«
Erst in diesem Moment fiel mir wieder ein, dass ich schon dreizehn Minuten … nein, inzwischen sicher länger, auf meine neue Internetbekanntschaft gewartet hatte. Aus irgendeinem Grund war mein Ärger verebbt und ich erwiderte ihr Lächeln.
»Schön, dich kennenzulernen«, sagte ich aufrichtig und Ashley strahlte mich an, ergriff meine Hand, als kannten wir uns schon ewig, und zog mich zur Theke.
»Jess und Sam warten dort hinten auf uns.« Sie machte eine unbestimmte Handbewegung über ihre Schulter und winkte mit der anderen Hand dem Barkeeper, der von mir zu ihr sah und dann langsam zu uns herüberkam.
»Drei Bier und …« Sie sah mich fragend an, doch der Barkeeper hatte sich bereits umgedreht und stellte kurz darauf ein Glas der goldenen Flüssigkeit und drei Flaschen vor uns.
»Fünfzehn«, sagte er zu Ashley und sie kramte in ihrer Hosentasche, bevor sie einen Haufen zerknüllter Scheine auf die Theke legte. Ich zog mein eigenes Portemonnaie aus meiner Handtasche, doch er schüttelte einmal kurz den Kopf und hob abwehrend die Hand. »Genieß deinen Abend«, sagte er mit einem Zwinkern und drehte sich weg, um neue Kunden zu bedienen.
Ashley sah mich mit großen Augen fragend an und ich zuckte mit einer Schulter. Das schien ihr als Antwort zu reichen, denn sie packte die Flaschen und bahnte sich einen Weg durch die Menschen auf der Tanzfläche. »Folge mir«, sagte sie über ihre Schulter, und das tat ich nach einem kurzen Zögern und einem letzten Blick in Richtung Theke. Mein Blick war nicht sehnsüchtig, sagte ich mir selbst, sondern neugierig. Der Fremde weckte meine Neugierde.
Und dann fiel mir ein, dass er mir nie seinen Namen verraten hatte.

Zwei Stunden und mehrere Drinks später hatte ich die beste Zeit meines Lebens. Sam, Jess und Ashley waren herzlich, aufgeschlossen und man konnte einfach mit ihnen reden, was vor allem daran lag, dass Ashley eine Frage nach der anderen in meine Richtung warf, manchmal ohne die Antworten abzuwarten.
»Und wir sind die ersten Hexen, die du kennenlernst?«, fragte sie gerade.
»Zumindest die ersten, die sich mit mir unterhalten wollen«, erwiderte ich ehrlich. »Ich habe, glaube ich, vor Kurzem eine andere Hexe in einem Laden getroffen. Aber sie wollte nicht mit mir sprechen. Obwohl … sie hat mir indirekt geholfen, euch zu finden.«
Man glaubte gar nicht, wie schwer es war, im Internet verlässliche Informationen zu echten Hexen zu finden. Nachdem ich Ende April letzten Jahres eines Nachts aufgewacht war, um mir etwas zu trinken zu holen, und auf einmal das Licht anging, ohne dass ich den Schalter berührt hatte, dachte ich mir noch nichts dabei. Vielleicht war ich noch so schlaftrunken gewesen, dass ich nicht gemerkt hatte, dass ich den Lichtschalter schon gedrückt hatte. Das wäre immerhin nicht das erste Mal gewesen. Im Nachhinein betrachtet war es vielleicht wirklich nicht das erste Mal, dass sich meine magischen Fähigkeiten gezeigt hatten.
Doch dass die Wasserflasche vom anderen Ende der Küchentheke in meine Hand flog, als ich nur die Finger danach ausstreckte, konnte auch ich nicht mehr mit Schlaftrunkenheit erklären.
Im Anschluss daran hatte ich mich in den unendlichen Weiten des Internets auf die Suche nach Antworten begeben, war jedoch immer wieder auf Seiten gelandet, wo Leute glaubten Hexen zu sein, aber von echter Magie keine Ahnung hatten. Und es war ja vollkommen legitim, dass sie sich zu Mondritualen trafen und Kräutertinkturen mischten, aber leider konnten diese Menschen mir absolut nicht helfen. Denn ich hatte offensichtlich wirkliche magische Fähigkeiten und war in der Lage Wasserflaschen – und andere Dinge, wie ich in der Zwischenzeit festgestellt hatte – schweben zu lassen.
Nach unzähligen Treffen mit angeblichen Hexen, die mich nicht weiterbrachten und am Ende nur noch frustrierten, war ich kurz davor gewesen, aufzugeben.
Dann war ich durch Zufall in einen kleinen Laden in East Harlem gewandert, der auf Esoterik spezialisiert war, und die Verkäuferin hatte einen langen Blick auf mich geworfen und mir dann das Portal hexe-heute.net empfohlen.
Ich solle den Administratorinnen sagen, dass Gigi mich schickte, damit ich Zugang zu den »wirklich interessanten Bereichen« erhielt. Natürlich stellte ich ihr hunderte von Fragen, doch sie wimmelte mich ab. Sagte, sie hätte keine Zeit, einen Grünschnabel wie mich unter ihre Fittiche zu nehmen.
Das Forum war ein Quell des Wissens und ich saugte alles in mich auf. Doch ein Treffen mit anderen Hexen war das, was ich mir wirklich wünschte, denn so gut man sich auch online austauschen konnte, es ersetzte nicht den persönlichen Kontakt. Und die meisten Hexen waren auch nicht bereit, irgendwelche magischen Geheimnisse über das Internet zu verraten, sodass sich mein Wissen über Magie in Grenzen hielt. Und ich brauchte unbedingt eine Lehrerin, jemanden, der mir erklärte, wie ich meine Fähigkeiten richtig einsetzen konnte.
Dann hatte Jess mir eine private Nachricht über das Portal geschrieben und gesagt, dass sie und ihre Cousinen, Ashley und Sam, mich gerne treffen würden. Wir wohnten immerhin alle vier in Manhattan.
Und hier waren wir nun. Zwei Tage nach unserer ersten Nachricht. Und es war besser, als ich es mir je hätte erträumen können. Mit dem Zeigefinger meiner rechten Hand fuhr ich gedankenverloren über den Rand meines leeren Glases.
Ob ich noch was trinken sollte? Ich sah in Richtung der Theke, die jedoch hinter den tanzenden Menschen verborgen war.
»Und du hattest keine Ahnung, dass du eine Hexe bist?«, fragte Ashley und schaute mit einem Auge in ihre leere Bierflasche. Dann sah sie auffordernd Jess an und diese schüttelte genervt den Kopf. Ashley rümpfte die Nase, sagte jedoch nichts.
»Nein. Absolut nicht«, beantwortete ich ihre Frage.
»Faszinierend«, sagte Jess und ich zuckte mit den Schultern.
»Abgefahren«, sagte Ashley und hielt ihre leere Flasche vor Sams Gesicht. Diese schüttelte lediglich mit dem Kopf.
Ich nickte stumm. Das war das dritte Mal innerhalb der letzten zwei Stunden, dass wir genau diese Unterhaltung hatten. Wörtlich. Und doch nervte es mich nicht. Wie könnte es auch? Es war das erste Mal seit einem Jahr, dass ich mit jemandem über dieses Thema sprechen konnte und ernstgenommen wurde.
»Wie hart es gewesen sein muss, ohne deine Mutter aufzuwachsen«, sagte Sam und riss mich aus meinen Erinnerungen. Ein scharfer Schmerz schien mitten durch mein Herz zu fahren und ich biss meine Zähne zusammen, mein Kiefer war auf einmal angespannt. Ohne eine Miene zu verziehen, nickte ich schweigend.
Mitgefühl blitzte in Sams Augen und ich sah von ihr weg zur Wand hinter Jess. Ich wollte nicht über den Verlust meiner Eltern sprechen. Obwohl es dreizehn Jahre her war, dass sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, mochte ich immer noch nicht gerne darüber reden. Nicht über den Verlust und erst recht nicht über die Zeit danach.
Mein Hals zog sich zusammen und ein beklemmendes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Ashley ergriff plötzlich meine Hand und ich sah sie erschrocken an. Ihre Augen funkelten freudig, mit lediglich einem Hauch Mitleid, den sie in der nächsten Sekunde hinter einem Lächeln verbarg, und sie zog mich nach oben.
»Komm schon, genug geredet. Es läuft unser Lied.«
Jess sprang aus ihrem Stuhl auf und klatschte in die Hände und Sam schob ihren eigenen Stuhl nach hinten und grinste mich an.
Ich versuchte, zu erkennen, was für ein Song es war.
»Jedes Lied ist unser Lied«, erklärte Ashley und zwinkerte mir zu, bevor sie mich hinter sich her auf die Tanzfläche zog.
Ich weiß nicht, wie lange wir tanzten, doch es fühlte sich unglaublich befreiend an. Und war es nicht ironisch, dass ich mich zum ersten Mal seit langem fast normal fühlte, und zwar an der Seite dreier Hexen?

Irgendwann taten meine Füße so weh von der ungewohnten Aktivität, dass ich Sam auf die Schulter tippte, auf meine Schuhe deutete und zur Theke zeigte. Sie hielt beide Daumen hoch und lächelte mir mitfühlend zu, bevor sie sich ihren Cousinen zuwandte und alle drei ihre Arme in die Höhe rissen, als ein neues Lied anfing.
Ich quetschte mich an mehreren tanzenden Leuten vorbei und erreichte schließlich die Bar, wo ich auf einen der Hocker glitt, dankbar, endlich nicht mehr auf meinen Füßen stehen zu müssen.
Ich bückte mich und löste die Riemen meiner Sandalen, die daraufhin polternd zu Boden fielen. Das kühle Metall des Hockers fühlte sich himmlisch an meinen wunden Fußsohlen an und ich seufzte erleichtert, während ich meinen Rücken gegen die Theke lehnte und meinen neuen Freundinnen durch die Menge hindurch beim Tanzen zusah.
»Schon müde?«, fragte eine dunkle Stimme neben meiner rechten Schulter und ich wandte den Kopf. Der Barkeeper vom Beginn des Abends lehnte neben mir, seine Arme auf die Theke gestützt und sein Oberkörper so weit nach vorne gebeugt, dass sein Gesicht auf einer Höhe mit meinem war.
»Pause«, sagte ich und klang atemloser, als mein Tanzen es hätte rechtfertigen können.
Er presste die Lippen aufeinander und nickte verständnisvoll, ohne mich dabei anzusehen. Er starrte in die Menge.
Mit seinem Kinn deutete er in Richtung der Tanzfläche und fragte: »Wer sind deine Freundinnen?«
Ashley hatte ihre Arme immer noch über ihren Kopf erhoben und unter ihrem knappen Top lugte ihr Bauchnabel hervor. Ihr Kopf fiel von einer Schulter auf die andere und ihr Gesicht war in einem Ausdruck purer Ekstase erstarrt, während sie ihren Körper im Takt der Musik von einer Seite zur anderen schwang.
Der Barkeeper folgte jeder ihrer Bewegungen mit seinen Augen und seine Zähne bohrten sich in seine Unterlippe.
»Niemand«, sagte ich scharf und konnte nicht erklären, was mich zu dieser Antwort bewegt hatte. Er hob eine Augenbraue, ohne den Blick von Ashley zu nehmen.
»Neue Freundinnen«, erklärte ich und bemühte mich um einen freundlicheren Tonfall. Jess und Sam schwangen ihre Hüften und ließen sie gegeneinanderprallen, während sie sich gegenseitig Luftküsse zuwarfen. Es hatte sich ein kleiner Kreis um sie gebildet und die Zuschauer grölten und heizten sie noch mehr an.
Ich runzelte meine Stirn.
Ich mochte die drei wirklich gerne, richtig? Richtig, erinnerte ich mich selbst und drehte mich zur Seite. Ich sah auf den Mann, der immer noch auf der anderen Seite der Theke stand und meine neuen Freundinnen beobachtete. Sein Ausdruck war angespannt und ein Muskel in seinem Kiefer zuckte.
Als hätte er meine Blicke gespürt, riss er seine Augen von der Tanzfläche und sah mich an. Seine Lider senkten sich, als sein Blick an mir hinab wanderte, und schon wieder hatte ich das Gefühl, als müsse ich meine Arme vor der Brust verschränken, damit er nicht hinter meine Fassade schauen konnte. Es war natürlich lächerlich, niemand konnte in das Innere eines Menschen sehen. Und doch kostete es mich alle Kraft, die ich hatte, meine Arme an meinen Seiten zu belassen. Am Ende begnügte ich mich damit, meine Finger in meinem Schoß zu verschränken. Der Fehler dieser Geste fiel mir erst auf, als sein Blick auf meine Hände und somit genau zwischen meine Oberschenkel fiel. Wärme breitete sich in mir aus und ein Kribbeln begann in meinem Bauch und kroch dann tiefer.
Ich holte scharf Luft und seine Augen schossen augenblicklich zu meinen Lippen.
Seine Pupillen waren erweitert und brannten förmlich. Ich biss auf meine Unterlippe und langsam, oh so langsam, hob er seinen Blick und sah mir in die Augen.
Für einen kleinen Moment, oder eine Ewigkeit, sicher länger als dreizehn Minuten, schien die Zeit still zu stehen, während wir uns einfach nur anstarrten.
Und ich wünschte, ich wäre cooler, verführerischer, oder schlichtweg nicht ich selbst, denn dann hätte dieser Moment sicher unbeschreiblich sexy sein können. Stattdessen ruinierte ich ihn, indem ich mich zu weit nach vorne lehnte, das Gleichgewicht verlor und fast von meinem Hocker fiel. Eine seiner Hände schoss nach vorne und schloss sich um meinen Arm.
»Vorsicht«, sagte er und hielt mich aufrecht. Seine Finger hinterließen ein sanftes Kribbeln auf meiner Haut.
»Danke«, murmelte ich und Hitze schoss in meine Wangen, die sich sicherlich genau in diesem Moment puterrot färbten.
»Immer wieder«, sagte er genauso leise und ein kleines Lächeln spielte um seine Lippen.
»Ich sollte gehen.« Ich senkte meinen Blick und lief in Richtung Tanzfläche in der Hoffnung, der Peinlichkeit des Augenblickes zu entkommen, als ich seine Stimme hörte.
»Deine Schuhe«, sagte er und ich hielt inne und verzog das Gesicht, als ich meine nackten Füße sah.
Ohne ihn anzuschauen drehte ich mich herum, bückte mich und angelte meine Schuhe vom Boden. Als ich mich wieder aufrichtete und schnellstmöglich zwischen der Menschenmenge auf der Tanzfläche verschwand, hätte ich schwören können, ihn leise lachen zu hören, doch ich konnte nicht sicher sein, die Musik war zu laut.
Ebby Scarborough, immer für eine Blamage gut, dachte ich bitter.

»Sam ist die älteste, dann folgt Jess und ich bin das Nesthäkchen«, sagte Ashley und nickte, um ihre Worte zu untermauern. Sam verdrehte die Augen und Jess schüttelte genervt den Kopf.
»Nesthäkchen bedeutet nicht, was du denkst das es bedeutet«, murmelte sie und Ashley zuckte mit den Schultern.
»Es bedeutet, was auch immer ich sage es bedeutet«, sagte sie mit trällernder Stimme und grinste ihre Cousinen an.
Die beiden warfen sich einen vielsagenden Blick zu, bevor alle drei anfingen, zu lachen.
»Ihr seid also mit Magie aufgewachsen?«, fragte ich, noch immer etwas atemlos von unserer letzten gemeinsamen Tanzeinlage.
»Jap.« Jess nickte.
Ihre Mütter waren Schwestern und hatten die drei Mädchen, die tatsächlich alle innerhalb des gleichen Monats geboren waren, und somit altersmäßig nicht wirklich weit auseinander lagen, gemeinsam großgezogen. Ich hatte nicht nach ihren Vätern gefragt und die drei hatten sie auch nicht erwähnt. Ich hatte den Eindruck, die Männer hatten nie eine Rolle im Leben ihrer Töchter gespielt.
»Jede Hexe sollte mit einer Mutter aufwachsen«, sagte Ashley und warf mir einen fast mitleidigen Blick zu.
»Oder einem magischen Vorbild anderen Geschlechts«, fügte Jess in belehrendem Tonfall hinzu.
Ashley machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich verwende das Wort Mutter geschlechtsneutral.«
Bei meinen Internetrecherchen hatte ich bereits herausgefunden, dass obwohl die meisten Hexen tatsächlich weiblich waren, dies keine Voraussetzung für magische Fähigkeiten darstellte.
»Wie weit sind deine Fähigkeiten ausgebildet?«, fragte Sam und stützte ihre Ellbogen auf den Tisch, während sie sich nach vorne lehnte.
»Ähm …«, begann ich und war plötzlich verlegen. Ich hatte es hier offensichtlich mit sehr talentierten Hexen zu tun, die ihr gesamtes Leben mit Magie verbracht hatten. Wie konnte ich zugeben, dass ich meistens noch nicht mal einfache Schwebezauber fehlerfrei hinbekam?
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, legte Sam eine Hand auf meinen Arm und lächelte mich aufmunternd an.
»Wir helfen dir gerne. Niemand sollte das alleine lernen müssen.«
Ashley nickte eifrig. »Morgen«, sagte sie und ich runzelte meine Stirn. »Du kommst vorbei und wir üben.«
Die anderen beiden nickten feierlich.
Damit war die Sache wohl beschlossen und in diesem Moment fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich atmete langsam aus und sah die drei dankbar an.
Und erst da wurde mir bewusst, wie schwierig und einsam das letzte Jahr gewesen war.
Nicht, dass die Jahre davor wesentlich besser gewesen waren, aber seit ich entdeckt hatte, dass ich zaubern konnte, war ich nicht nur einsam, sondern auch noch alleine mit all den Fragen über meine Fähigkeiten.
Und nun hatte ich zum ersten Mal Personen, die mir helfen wollten. Hatte zum ersten Mal vielleicht sogar Freundinnen.
Ein Lächeln breitete sich über mein Gesicht aus. Das Aufrichtigste seit Jahren.