Leseprobe zu „Gedankenlos (Ebby Scarborough Buch 3“

Trigger Warnung: Sexueller Missbrauch

Kapitel 1

Ich erwachte schreiend aus einem Traum, der nicht mein eigener war.
Jayden saß auf der Bettkante, das Gesicht in seinen Händen vergraben. Er musste kurz vor mir aufgewacht sein. Ich rieb mir mit dem Handrücken über die Augen, um die Tränen wegzuwischen, doch es brachte nichts, da immer wieder neue über meine Wangen liefen.
Ich wollte eine Hand auf Jaydens Schulter legen, wollte ihn so gerne trösten und seinen Schmerz lindern. Doch wie sollte ich das tun, wenn sein Schmerz mein eigener war.
Seit er gesehen hatte, was mir zugestoßen war, träumte er davon. Und da ich seine Gedanken in meinem Kopf sah, hatten wir jede Nacht seit der Ausführung des Zauberrituals denselben Albtraum. Jede Nacht durchlebten wir beide die schrecklichsten Stunden meiner Kindheit.
Jayden stand schweigend auf und ich hörte seine Schritte auf dem Holzboden, als er den schmalen Flur unserer Wohnung durchquerte und ins Badezimmer ging. Ich starrte ihm nach, doch rührte mich nicht, kämpfte selbst mit den Nachwirkungen des Albtraums. Es waren immer dieselben Bilder und mit jeder Nacht fiel es mir schwerer, sie wieder abzuschütteln.
Ich hörte, wie die Dusche anging, und seufzte leise, während ich mich aus dem Bett rollte und in meine Jogginghose schlüpfte.
Es sah so aus, als wäre unsere Nacht mal wieder zu früh zu Ende.
Einer von Jaydens Pullovern lag auf dem Boden neben dem Fenster und ich zog  ihn über meinen Kopf. Für einen Moment presste ich den weichen Stoff gegen mein Gesicht und schloss die Augen, versank in seinem vertrauten Geruch.
Drei Tage waren seit der Ausführung des Zauberrituals vergangen. In jener Nacht hatten wir den Zauber vollendet, der mein Leben gerettet und uns endgültig miteinander verbunden hatte. Es war ein Zauber, der niemals gebrochen werden konnte.
Wir waren eins.
Unwiderruflich.
Doch das brachte Probleme mit sich, mit denen keiner von uns jemals gerechnet hatte.
Ich ging langsam durch den dunklen Flur und hinüber in die Küche, wo ich damit begann, Kaffee zu kochen. Mein Blick fiel auf mein Handy, das auf der Arbeitsplatte lag.
Keine Nachrichten, keine verpassten Anrufe.
Gleich am Tag nach der Vollendung des Zaubers hatte ich meine Freundinnen angerufen. Immerhin war es ihnen zu verdanken, dass wir das Ritual überhaupt hatten ausführen können. Wären sie und ihre Mütter nicht gewesen, wäre ich inzwischen tot.
Ich hatte ihnen gesagt, dass Jayden und ich Zeit für uns brauchten. Ashley hatte mir mitgeteilt, dass man von zu viel Sex sicher krank werden konnte.
Die Uhr auf dem Handydisplay verriet mir, dass es vier Uhr morgens war. Wir hatten eine halbe Stunde länger geschlafen, als in der Nacht zuvor. Wahrscheinlich sollte ich das als Fortschritt werten.
Vielleicht lernte Jayden, mit meinen Erinnerungen umzugehen.
Vielleicht würden die Albträume nun endlich aufhören.
Ich hörte, wie er die Küche betrat, und drehte mich zu ihm um. Er stand direkt vor mir und sah genauso müde und erschöpft aus, wie ich mich fühlte. Langsam legte er eine Hand an meine Wange und ich lehnte mich in die Berührung, während er mir prüfend in die Augen sah.
»Wie geht es dir?«, fragte er leise.
»Gut«, erwiderte ich automatisch und er runzelte die Stirn.
»Ebby«, sagte er warnend und lehnte sich leicht zurück. »Ich spüre deine Emotionen, also hör auf zu lügen.«
Ach richtig, dachte ich und verzog mein Gesicht.
Das Zauberritual hatte nicht nur eine telepathische Verbindung zwischen uns geschaffen. Es hatte ebenfalls dazu geführt, dass wir zu jeder Zeit die Emotionen des anderen fühlen konnten. Gute und schlechte. Ob wir wollten oder nicht.
Genau dieser Tatsache war ein Großteil unserer momentanen Probleme zu verdanken.
»Also?«, fragte Jayden und ich seufzte.
»Wieso fragst du, wenn du die Antwort sowieso schon kennst?« Trotz der harten Worte war meine Stimme sanft. Ich krallte meine Finger in sein T-Shirt und zog ihn näher, bis ich meine Lippen auf seine pressen konnte.
Er wand beide Arme um meinen Rücken, vertiefte den Kuss, und für einen kurzen, wunderbaren Moment sank ich gegen ihn, verlor mich in seinem Geschmack und seiner Berührung.
Dann spürte ich einen scharfen Schmerz und atmete zischend ein. Jayden löste sich erschrocken von mir und sah mich entschuldigend an.
Augenblicklich fühlte ich mich zurückversetzt in die Zeit, die ich im Haus meines Stiefvaters verbracht hatte. Bilder tauchten in meinem Kopf auf und ich wusste, dass Jayden sie ebenfalls sah, denn sein Schmerz wurde um ein Vielfaches heftiger.
Es fiel mir immer schwerer, die Bilder wieder abzuschütteln. Meine normalen Bewältigungsmechanismen funktionierten nicht mehr, da die Erinnerungen so viel öfter kamen, als ich es bisher zugelassen hatte. Normalerweise bewahrte ich sie in der hintersten Ecke meines Bewusstseins auf, gab ihnen nicht die Chance, an die Oberfläche zu dringen.
Aber mit Jayden war es anders. Für ihn waren diese Gefühle neu und er wusste nicht, wie er mit ihnen umgehen sollte. Er wurde durch unsere Verbindung an diese grauenvollen Erlebnisse meiner Kindheit erinnert und erlebte alles, als wäre es ihm selbst widerfahren.
Er sank auf einen der Stühle am Küchentisch und nach einigen Sekunden folgte ich ihm und stellte eine Tasse mit dampfendem Kaffee vor ihm ab. Er nickte mir dankend zu, bevor er schweigend aus dem Fenster starrte.
Ich glitt auf den anderen Stuhl und legte beide Hände um meine eigene Tasse, ließ die Wärme des Getränks in meine Haut eindringen und versuchte, die aufsteigende Verzweiflung zu besiegen.
»Mein Schmerz zerstört dich«, sagte Jayden plötzlich und ich sah ihn resigniert an. Er drehte seinen Kopf und erwiderte meinen Blick. »Ich kann es spüren, Ebby. Ich fühle, dass es dir mit jedem Tag schlechter geht. Und es ist meine Schuld.«
»Wenn überhaupt jemand Schuld ist, dann bin ich das.« Meine Stimme war bitter. »Es sind meine Erinnerungen, die dir so zu schaffen machen.«
»Erinnerungen, für die du nichts kannst.«
Ich seufzte. Wir hatten genau diese Unterhaltung bereits dreimal geführt. Ohne zu einer Einigung gekommen zu sein. Meine Schuldgefühle schienen mich aufzufressen, doch Jayden behauptete immer wieder, dass ich nichts dafür konnte.
Aber es fühlte sich verdammt nochmal so an, denn die Last meiner Erinnerungen schien uns zu erdrücken.
»Hey.« Er lehnte sich nach vorne und ergriff meine Hände. »Wir kriegen das schon hin«, sagte er. »Wir haben immerhin schon ganz andere Hindernisse überwunden.«
Andere Hindernisse.
Was für eine nette Umschreibung für die Tatsache, dass sein Vater mich entführt und erschossen hatte. Und dafür, dass ein Vampir mich abhängig von seinem Blut gemacht hatte, um mich anschließend für seine Zwecke zu missbrauchen.
Ich atmete tief ein und aus und nickte dann zögerlich. Jayden runzelte die Stirn, doch sagte nichts weiter. Ich war nicht sicher, ob er die Gedanken in meinem Kopf sah.
Durch die telepathische Verbindung konnte er meine Gedanken lesen und daher wusste er genau, an was ich dachte. Doch nicht alle Gedanken waren einfach zu verstehen, in einer Sekunde hatte man sie deutlich vor Augen, doch bevor man sie wirklich greifen konnte, waren sie bereits wieder verschwunden.
Jaydens Gedanken waren anders als meine eigenen. Als hätten sie eine andere Stimme, einen anderen Tonfall. Meistens war es einfach zu unterscheiden, welche meine und welche seine Gedanken waren. Aber das war nicht immer so.
Das alles wusste ich nur deshalb, weil auch ich manchmal Jaydens Gedanken lesen konnte. Doch er wusste, wie er sie kontrollierte, und ließ sie mich nur selten sehen. Während er schlief, hatte er allerdings keine Kontrolle, weshalb ich immer wieder in seine Albträume gerissen wurde.
Aber manchmal verlor er auch tagsüber die Kontrolle und ich sah alles.
Aber alles zu sehen hieß nicht, dass man alles verstand.
Wie gesagt, es war äußerst verwirrend.
Jayden konnte immer meine Gedanken lesen, da ich selbst absolut nicht wusste, wie ich sie kontrollieren sollte. Das bedeutete natürlich, dass er ständig die Erinnerungen an meinen Stiefvater sah, denn in den letzten drei Tagen hatte ich öfter an ihn gedacht als sonst.
Was an Jaydens Schmerz lag, der mich permanent daran erinnerte.
Und meine Erinnerungen verursachten seinen Schmerz.
Es war ein Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen zu geben schien.
Mit einem Seufzer stand ich auf und ging hinüber ins Wohnzimmer. Marc hatte die meisten unserer Möbel hergebracht und im Moment stapelten sie sich alle in der Mitte des Raumes, da ich immer noch nicht damit fertig war, die Wand zu streichen.
Ich hatte ja nicht wissen können, dass eine Schicht gelber Farbe nicht ausreichte. Und ich hatte ebenfalls nicht wissen können, dass sich Farbe nicht einfach gleichmäßig auf der Wand verteilte, sondern dass man anscheinend beeindruckende Anstreicherfähigkeiten benötigte, damit es nachher auch tatsächlich gut aussah.
Jayden hatte vorgeschlagen, dass ich die Wand einfach mit Magie anstreichen sollte. Aber ich wollte es altmodisch machen, mit Pinsel und Leiter. Dies war unsere gemeinsame Wohnung und aus irgendeinem Grund fühlte es sich richtig an, sie ohne Magie zu renovieren. Außerdem hatte ich jede Menge Zeit, da ich mal wieder keinen Job hatte. Nicht, dass ich einen brauchte, nachdem Jayden meinen Namen seinem Konto hinzugefügt hatte. Bei dem Gedanken wurde mir immer noch unbehaglich zumute.
Ich bückte mich und öffnete den Farbeimer, der auf einer Plane vor dem Kamin stand. Dann tauchte ich den Pinsel in die Farbe und begann damit, die Wand neben dem Fenster erneut zu streichen.
Die Arbeit war eintönig und wirkte seltsam beruhigend auf mich. Für kurze Zeit vergaß ich all die schrecklichen Dinge, die mir im Laufe meines Lebens zugestoßen waren, während ich mich einfach auf den nächsten Pinselstrich konzentrierte. Gelb war eine gute Farbe, schoss es mir durch den Kopf. Sie war hell und freundlich und in diesem Moment wollte ich darin versinken. Mit jeder Minute, die ich mich auf meine Arbeit konzentrierte, rückten die dunklen Emotionen, die ich seit der Unterhaltung mit Jayden verspürte, weiter in den Hintergrund. Mein Herzschlag verlangsamte sich und ich hatte das Gefühl, wieder normal atmen zu können.
Einige Zeit später kam Jayden aus der Küche und ergriff ebenfalls einen Pinsel. Keiner von uns sprach ein Wort, doch die Ruhe, die ich zuvor beim Streichen verspürt hatte, war verschwunden. Ich fühlte immer wieder, wie Jaydens Herz sich verkrampfte, da er offensichtlich an meinen Stiefvater und alles, was er mir angetan hatte, dachte.
Auch wenn ich die Gedanken in seinem Kopf nicht sah, fühlte ich mich in diesen Momenten selbst zurückversetzt in jene Zeit – und eine grauenvolle Hoffnungslosigkeit überkam mich.
»Du musst aufhören, daran zu denken«, flüsterte ich schließlich, ohne ihn anzusehen. Ich legte den Pinsel auf den Farbeimer und machte einige Schritte zurück, um mein Werk zu begutachten. Es war inzwischen sieben Uhr morgens und das Wohnzimmer hatte endlich einen gleichmäßigen, gelben Farbton.
»Ich versuche es ja.« Jayden warf seinen eigenen Pinsel mit solcher Wucht auf den Eimer, dass er abprallte und über die Folie schlitterte, mit der wir den Boden abgedeckt hatten. Er krallte beide Hände in seine Haare und starrte an die Decke. »Ich versuche es wirklich«, sagte er leise und sah mich flehend an.
Der Ausdruck in seinen Augen brach mir fast das Herz.
»Das weiß ich«, murmelte ich und trat auf ihn zu, bis ich meine Hände auf seine Schultern legen konnte.
Einige Augenblicke lang sah er mich schweigend an. Dann leckte er sich kurz über die Lippen und drehte den Kopf zur Seite, bevor er einige Schritte zurücktrat, sodass meine Hände von seinen Schultern glitten. Er ballte eine Hand zur Faust und sein Arm zitterte.
Ich wollte ihn so gerne trösten, wollte seinen Schmerz lindern, doch ich hatte keine Kraft mehr. Es kostete mich all meine Energie, die Erinnerungen in meinem eigenen Kopf nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, und ich wusste nicht, wie ich Jayden bei der Bewältigung dieser Gefühle helfen sollte.
»Du musst mir nicht helfen«, sagte er und seine Augen blitzten kurz auf. Ich sah ihn erschrocken an und er schloss seine Lider. Als er mich wieder ansah, war sein Ausdruck sanft. »Konzentrier dich darauf, deinen eigenen Schmerz zu bewältigen, Ebby. Ich kann fühlen, dass es dir nicht gut geht. Ich kann spüren, dass das alles hier immer schwieriger für dich wird.«
Ich wollte widersprechen. Wollte ihm sagen, dass es mir gut ging. Doch ich konnte ihn nicht mehr belügen – konnte mich selbst nicht mehr belügen.
Denn es ging mir nicht gut.
Ich stand am Rande eines Abgrundes und hatte das Gefühl, langsam den Halt zu verlieren. Jedes Mal, wenn ich Jaydens Schmerz spürte und die Erinnerungen in meinem Kopf auftauchten, wurde ich näher an die Klippe gezogen. Und ich konnte die Dunkelheit sehen, die mich dort erwartete.
Ich kannte diese Dunkelheit. War ihr schon einmal entkommen – aber nur knapp.
Meine Augen huschten kurz zu den Narben auf meinen Handgelenken und Jayden folgte meinem Blick. Im nächsten Moment stand er vor mir.
»Was soll ich tun?«, fragte er und seine Augen brannten förmlich. »Was kann ich tun, um es besser zu machen?«
Einige Sekunden lang sah ich ihn einfach schweigend an, sah den hämmernden Puls in seinem Hals und spürte seine Verzweiflung.
»Bring mir bei, meine Gedanken zu kontrollieren«, sagte ich und er runzelte die Stirn.
»Was soll das bringen?«
»Dann musst du nicht ständig meine Gedanken ertragen.« Ich wollte den Kopf senken, doch er legte einen Finger unter mein Kinn und hielt meinen Blick.
»Deine Gedanken sind nicht das Problem, Baby.« Er legte beide Hände an meine Wangen und strich sanft über meine Haut. »Meine Unfähigkeit mit ihnen umzugehen ist das Problem.«
Seine Handflächen waren warm und für einen kurzen Moment wollte ich in seiner Berührung versinken, doch es ging nicht. Ich biss kurz auf meine Unterlippe und nickte dann. »Aber ich spüre deinen Schmerz, Jayden, und er erinnert mich jedes Mal an …« Ich sah ihn aus großen Augen an und er verzog das Gesicht. Dann ließ er seine Hände sinken.
Ich spürte immer noch Jaydens Schmerz und vor meinem geistigen Auge tauchten erneut Bilder auf.
Ich erinnerte mich daran, wie mein Stiefvater zum ersten Mal nachts mein Zimmer betreten hatte und wie er neben mir auf die Matratze gesunken war. Die Bilder kamen immer schneller, wurden immer lebendiger, und ich konnte sie nicht stoppen, konnte lediglich abwarten, bis sie irgendwann von selbst aufhörten.
Jayden keuchte laut und ich presste eine Hand gegen meinen Bauch, versuchte, die Übelkeit zu unterdrücken, die bei den Erinnerungen in mir aufstieg. Denn diese Gedanken brachten immer auch Gefühle mit sich. Gefühle, die ich lieber nie wieder spüren wollte. Hilflosigkeit, Verzweiflung, Scham.
»Bring es mir bei, Jayden«, sagte ich leise. »Bitte. Bring es mir bei. Ich kann so nicht weitermachen.«
Das war die Wahrheit.
Vor meiner Verbindung mit Jayden hatte ich gelernt, mit meinen Erinnerungen umzugehen. Ich war geübt darin gewesen, den Schmerz nicht übermächtig werden zu lassen. Ich hatte Techniken entwickelt, die mich im Hier und Jetzt verankerten, sodass ich nicht von den Erinnerungen überrollt wurde. Nur so konnte ich den Alltag meistern. Nur so konnte ich überleben.
Wenn ich darüber sprach, was ich selten tat, riss die Wunde zwar jedes Mal ein kleines Stückchen auf, aber ich wusste, wie ich sie wieder verschließen und den Schmerz in Schach halten konnte.
Doch Jaydens Schmerz war so überwältigend, so allgegenwärtig, dass er mich zu erdrücken drohte.
Meine Knie gaben nach und ich sank auf den Boden. Jayden glitt neben mich und lehnte seinen Rücken gegen die Couch, die unter einer Plane mitten im Raum stand. Er ergriff meine Hand und ich klammerte mich an ihn.
Wenn er meine Gedanken und Erinnerungen nicht permanent in seinem Kopf sah, musste er vielleicht nicht ständig daran denken. Dann konnte er heilen. Und ich hatte ebenfalls die Möglichkeit, zu heilen und mich auf die Gegenwart zu konzentrieren.
Eine Gegenwart, die so gut sein könnte, denn ich hatte alles, was ich mir immer gewünscht, doch nie zu träumen gewagt hatte.
Einen Mann, der mich liebte.
Die besten Freundinnen überhaupt.
Meine Traumwohnung mitten in Manhattan.
»In Ordnung«, murmelte Jayden schließlich und setzte sich aufrechter hin. »Aber ich bin nicht sicher, ob ich es dir beibringen kann«, sagte er ernst und ich runzelte meine Stirn.
»Erklär mir einfach, wie du es machst«, erwiderte ich.
»Das werde ich«, sagte er. »Aber ich bin nicht sicher, ob es bei dir funktioniert.«
»Wieso sollte es bei mir nicht funktionieren? Wenn du es kannst, dann kann ich es auch lernen.«
Für den Bruchteil einer Sekunde leuchteten seine Augen amüsiert auf. Dann wurde er ernst. »Das ist es nicht«, sagte er. »Aber du bist anders als ich.«
»Anders?«, fragte ich kritisch und er nickte. »Gut anders?«
Diesmal lachte er kurz. »Alles an dir ist gut, Baby.«
Das bezweifelte ich stark, wollte ihm aber gerade nicht widersprechen.
»Mein Vater hat mir seit meinem sechsten Lebensjahr beigebracht, zu kämpfen«, erklärte Jayden und seine Stimme war hart. »Er hat großen Wert auf Kontrolle gelegt. Kontrolle über meinen Körper und meine Gedanken. Er hat immer gesagt, wenn jemand in der Lage ist, meine Emotionen in meinem Gesicht zu erkennen, kann er meine nächsten Schritte vorausahnen und mich besiegen.«
»Du musst eine traurige Kindheit gehabt haben«, murmelte ich und er neigte seinen Kopf zur Seite. Ich spürte eine Woge des Schmerzes, als er offensichtlich erneut an meine eigene Kindheit dachte und zuckte zusammen.
»Sorry«, sagte Jayden schnell und schluckte schwer, bevor er fortfuhr. »Du musst versuchen, eine Wand um dich herum zu errichten. Eine Wand, hinter der du deine Gedanken versteckst, damit sie nicht nach außen dringen, damit niemand anders sie sehen kann.«
»Sowas hat dein Vater dir beigebracht?«, fragte ich entsetzt und er lächelte traurig.
»Versuch es«, wies er mich an und nickte mir auffordernd zu.
»Aber das ist nicht gut«, teilte ich ihm mit. »Man sollte seine Gefühle nicht verstecken. Man muss darüber sprechen und darf sie nicht begraben.«
Er hob seine Augenbrauen und meine Lippen formten ein tonloses »Oh«.
Er nickte vielsagend.
»Deshalb glaubst du nicht, dass ich es lernen kann.«
»Richtig.« Er nickte erneut. »Du sprichst deine Gedanken einfach aus, sagst, was auch immer dir gerade einfällt. Zumindest meistens«, fügte er hinzu und sein Gesichtsausdruck wurde nachdenklich.
Ich wusste, an was er dachte. Es gab gewisse Gedanken und Gefühle, über die ich niemals sprach.
»Du sprichst meistens, ohne vorher nachzudenken«, sagte er. »Wenn du deine Worte nicht einmal kontrollieren kannst, wie willst du es dann mit deinen Gedanken können?«
»Du hast mir damals zuerst deine Liebe gestanden«, erwiderte ich, ohne nachzudenken, was sein Argument nur noch weiter untermauerte – eine Tatsache, die ich ignorierte. »Bevor ich es gesagt habe«, fügte ich hinzu und die Worte klangen wie eine Anschuldigung. »Ich meine …«
»Ich weiß, was du meinst«, unterbrach er mich und schenkte mir ein halbes Lächeln. Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus, als er offensichtlich an unsere ersten Liebeserklärungen dachte. »Du möchtest sagen, dass ich auch die Kontrolle verliere und unüberlegte Dinge sage.« Ich nickte und er grinste. »Ich habe nie behauptet, dass ich diese von meinem Vater gewünschte Kontrolle gemeistert habe. Aber ich verstehe, wie es funktioniert. Du schaffst es allerdings immer wieder, meine Kontrolle zu durchbrechen, weil du so frustrierend bist.«
»Ich bin nicht …«
Er hob seine Hand und ich klappte meinen Mund wieder zu, sah ihn jedoch wütend an.
»Du schaffst es, mich aus der Reserve zu locken«, fuhr er fort. »Du bringst mich dazu, unüberlegte Dinge zu sagen und zu tun. Was gut ist«, fügte er schnell hinzu, als er meinen Blick sah. »Aber das hilft uns gerade nicht weiter.« Er nahm einen tiefen Atemzug. »Versuch dir vorzustellen, dass du deine Gedanken nur für dich behältst, errichte eine mentale Wand.«
Es klang so einfach, wenn er es sagte, so logisch. Allerdings scheiterte es an der Umsetzung, da ich absolut keine Ahnung hatte, wie ich eine Wand in meinem Kopf errichten sollte.
Ich versuchte, mir eine wirkliche, reale Mauer aus Steinen vorzustellen. Vielleicht konnte ich sie so hinbiegen, dass sie all meine Gedanken umrahmte? Hm … rote Steine sahen gut aus. Oder schwarze? Vielleicht besser schwarze. Das passte gut zu einer Mauer, die Gedanken eindämmen sollte. Und es passte ebenfalls zu meiner momentanen Stimmung. Ja, schwarze Steine waren perfekt.
Jayden machte ein halb ersticktes Geräusch, irgendetwas zwischen einem Lachen und einem Stöhnen, und ich sah ihn erschrocken an.
»Die Farbe der Steine ist nicht wichtig«, sagte er und ich verzog meinen Mund.
Klar, dass er ausgerechnet diesen Gedanken gesehen hatte.
»Okay«, murmelte ich und schloss meine Augen.
Stell dir eine Mauer vor, Ebby. Eine unsichtbare Mauer, ohne Steine, ohne Farben.
Ja, das würde ganz und gar nicht funktionieren.
Jayden stöhnte und ich sah ihn aus böse funkelnden Augen an.
»Es kann ja nicht jeder so gefühlskalt sein wie du«, zischte ich und er hob eine Augenbraue.
»Gefühlskalt?«
»Kontrolliert. Aber das ist fast dasselbe.«
»Du findest mich gefühlskalt?« Ich konnte das Funkeln in seinen Augen sehen und wusste, dass er mich aufziehen wollte. Für einige Sekunden funktionierte es und ich lachte. Dann fiel mir wieder ein, was wir gerade tun wollten und ich erinnerte mich ebenfalls daran, warum wir es tun wollten. Im gleichen Moment spürte ich einen übermächtigen Schmerz, der nicht mein eigener war.
»Jay…«
»Ich weiß!«, zischte er frustriert und krallte seine Finger in seine Haare, während er den Kopf in den Nacken legte und an die Decke starrte. »Wie soll ich dir beibringen, deine Gedanken zu kontrollieren, wenn ich nicht einmal meine eigenen Emotionen im Griff habe?«, fragte er verzweifelt und schüttelte immer wieder seinen Kopf. »Es ist unmöglich, Ebby.« Er sah mich an und ließ seine Arme sinken. »Ich habe keine Ahnung, was wir tun sollen.«
Tränen schossen mir in die Augen, denn ich kannte ebenfalls keine Lösung. Aber ich wusste mit absoluter Gewissheit, dass es so nicht weitergehen konnte.
Ich schluchzte leise und starrte erneut auf die Narben an meinen Handgelenken. Jayden ergriff meine Hand und hob sie zu seinem Mund. Er presste einen Kuss auf eine der dicken, weißen Narben und sah mich anschließend an.
»Ich lasse nicht zu, dass du dich jemals wieder so fühlst«, murmelte er und wusch mit seinem Daumen die Tränen von meiner Wange. »Du wirst niemals wieder das Gefühl haben, keinen Ausweg mehr zu sehen. Das lasse ich nicht zu.«
Ich sah ihn durch einen Tränenschleier an und er zog mich gegen seinen Körper, hielt mich fest und strich immer wieder sanft über meine Haare. »Ich lasse es nicht zu«, flüsterte er.
Ich sank gegen ihn und vergrub mein Gesicht an seiner Brust.
»Was sollen wir jetzt tun?«, fragte ich einige Zeit später, doch er erwiderte nichts.
Vielleicht gab es keine Antwort auf unser derzeitiges Problem. Vielleicht gab es keine Lösung.
Vielleicht würde meine Vergangenheit mich nach all diesen Jahren doch noch einholen und meine Zukunft zerstören.

Jayden

Letztes Jahr hatte es mir fast das Herz gebrochen zu hören, dass sie lieber sterben würde, als sich mir wehrlos auszuliefern. Damals war ich nicht in der Lage gewesen, ihr zu sagen, wie sehr es mich verletzte. Aber die Erkenntnis, dass sie mir nicht vertraute, war unfassbar schmerzhaft gewesen.
Ich hatte versucht, es zu verstehen, auch wenn Ebby der Meinung war, dass ich es niemals wirklich würde verstehen können.
Aber ich hatte Verständnis aufgebracht. Verständnis dafür, dass es Ereignisse in ihrer Vergangenheit gab, die so schlimm waren, dass sie sie immer noch nicht verarbeitet hatte.
Ich liebte sie so sehr und würde immer Verständnis für sie aufbringen.
Aber jetzt hatte ich nicht mehr nur Verständnis. Jetzt verstand ich es. Ich verstand es absolut und ohne jeden Zweifel, denn ich hatte ihre Vergangenheit selbst durchlebt.
Ich hatte in ihrem Zimmer gelegen und die Berührungen ihres Stiefvaters gespürt. Seine Hände auf meinem Körper, seinen Atem auf meiner Haut. Ich erinnerte mich immer noch an das absolute Gefühl der Hilflosigkeit, während ich dort lag und mich fragte, was eigentlich gerade passierte.
Und später hatte ich mich geschämt, als er mir vorwarf, dass ich es doch so gewollt hätte.
Es gab keine Grenze zwischen Ebbys Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken und meinen eigenen.
Ich war sie gewesen und gleichzeitig ich selbst.
Ich hatte geglaubt, es nicht mehr auszuhalten. Glaubte das manchmal immer noch.
Der Schmerz war zeitweise so überwältigend, dass ich nicht wusste, wie ich jemals damit umgehen sollte.
Doch eins war sicher: Ohne ihre Hilfe würde ich es niemals schaffen.