Leseprobe zu „Khia-la-dor – Auserwählt“

Kapitel 1

Ich ging langsam den dunklen Highway entlang. Bereits vor einer halben Stunde hatte ich aufgehört zu rennen, weil mir der Atem ausgegangen war. Meine Muskeln zitterten immer noch von der ungewohnten Anstrengung, doch ich war inzwischen weit genug von der Stadt entfernt und niemand würde mich hier draußen finden – das hoffte ich zumindest.
Ich schob die Träger meines Rucksacks etwas höher und sah über meine Schulter zurück. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich gehen sollte. Es war schließlich nicht so, als hätte ich meine Flucht lange planen können. Erst vor wenigen Stunden hatte ich überhaupt entschieden, mein altes Leben hinter mir zu lassen. Meine Mutter zu verlassen. Meine Freundinnen. Den Mann, den ich liebte …
Tränen brannten in meinen Augen, doch ich schluckte sie hinunter. Er hätte mit mir kommen können. Ich hatte ihn immerhin darum gebeten …Plötzlich hörte ich das Geräusch eines Wagens und grelles Scheinwerferlicht blendete mich. Mein Herz hämmerte wie wild gegen meine Rippen und einen Moment lang dachte ich darüber nach, wegzulaufen. Dann fiel mir wieder ein, dass ich genau aus diesem Grund über den Highway ging und mich nicht weiterhin durch die Wüste schleppte. Ich hatte gehofft, dass ein Auto vorbeikam und mich mitnehmen würde.
Der rote Pick-up hielt neben mir an und die Frau am Steuer öffnete das Fenster.
»Ganz alleine unterwegs?«, fragte sie und sah sich misstrauisch um.
Ich nickte und vergrub die Hände in den Taschen meiner dünnen Jacke. Die Tage in der Wüste waren im Juni bereits heiß, doch nachts konnte es immer noch kühl werden. Außerdem war ich verschwitzt, weil ich so weit gerannt war.
Die Frau musterte mich von oben bis unten, während sie auf ihrem Kaugummi kaute. »Wie alt bist du?«
»Neunzehn.« Diese verfluchte Zahl. Dieses grauenhafte Alter. Ich sah unauffällig über meine Schulter. Was, wenn das Licht des Wagens die Aufmerksamkeit meiner Leute auf sich zog?
Der Frau entging mein Blick nicht und sie verengte ihre Augen. »Auf der Flucht, hm?«
Ich starrte sie an, erwiderte jedoch nichts.
»Wo willst du hin?«
»Weit weg von hier.«
Sie machte eine Blase mit ihrem Kaugummi und ließ sie zerplatzen. Dann deutete sie mit dem Kinn auf den Beifahrersitz. »Steig ein.«
Ich rührte mich nicht. Vielleicht war es eine dämliche Idee, zu einer wildfremden Frau in den Wagen zu steigen. Sie könnte eine Massenmörderin sein. Nervös trippelte ich von einem Fuß auf den anderen. Andererseits hatte ich keinen anderen Plan. Ich musste so schnell wie möglich weg von hier. Bevor sie mich fanden.
Zu Fuß hatte ich keine Chance.
Langsam ging ich um die Motorhaube herum und öffnete die Tür. Dann kletterte ich auf den Sitz und stellte meinen Rucksack zwischen meine Beine. Verstohlen sah ich mich um. Immerhin war dies das erste Mal, dass ich in einem Auto saß. Das Innere des Wagens roch nach einer Mischung aus Tabak und Pfefferminz. Der Geruch war nicht unangenehm, aber doch sehr eigenartig.
Die Frau musterte mich erneut von oben bis unten, dann nickte sie langsam, als hätte sie eine Entscheidung getroffen. Kurz darauf fuhr sie los.
»Hast du einen Namen?«, fragte sie nach einigen Minuten des Schweigens.
»Chl…« Ich brach ab. Ich wollte ihr meinen Namen nicht verraten, weil ich diesen Namen nicht mehr haben wollte. Sie sah mich durchdringend an. »Chloe«, sagte ich schnell und nickte ein paarmal. Ja, das klang gut. 
Sie verengte ihre Augen. »Und hast du auch einen Nachnamen, Chloe?«
Ich starrte aus dem Fenster auf ein Hinweisschild neben der Straße. »Bloomfield«, sagte ich. »Chloe Bloomfield.«
Ich ließ mich gegen die Rücklehne fallen und musste lächeln.
Chloe Bloomfield war ein guter Name.
Ich mochte Chloe Bloomfield.
Es klang so normal. So unauffällig. 
Jeder könnte Chloe Bloomfield sein. Der Name fiel nicht auf, führte nicht zu unangenehmen Fragen.
Chloe Bloomfield hatte keine Bestimmung, vor der sie gerade auf der Flucht war.
Chloe Bloomfield war normal. 
Die Frau warf mir einen seltsamen Blick aus dem Augenwinkel zu und ich war sicher, dass sie das Schild ebenfalls gesehen hatte. Doch sie sagte nichts zu meiner Namenswahl, sondern nickte langsam. »Schön, dich kennenzulernen, Chloe. Ich bin Hel.«
»Hell? Wie Hölle?« Ich starrte sie ungläubig an und einer ihrer Mundwinkel zuckte nach oben.
»Hel wie … Hel. So wirst du mich nennen. Oder soll ich dich nach deinem richtigen Namen fragen?«
Ich schluckte schwer, dann schüttelte ich meinen Kopf.
»Dachte ich mir doch«, murmelte sie und konzentrierte sich erneut auf die dunkle Straße. »Also«, sagte sie nach einiger Zeit. »Was ist dein Plan, wenn du weit weg von hier bist?«
Ich zog meine Nase kraus und sah aus der Seitenscheibe auf die dunkle Landschaft, die an uns vorbeizog. Die Wahrheit war, dass ich keinen Plan hatte. Doch das konnte ich ihr wohl kaum erzählen, ohne völlig dämlich und naiv zu wirken. »Ich habe Freunde in … an der Ostküste.« Oh ja, das klang gut. 
Chloe Bloomfield hatte Freunde.
Chloe Bloomfield war nicht alleine.
Hel hob ihre Augenbrauen. »Und wo genau wohnen deine Freunde?«
»Ostküste«, wiederholte ich. War sie taub?
»Hm«, machte Hel. »Und hast du auch einen Job?«
»Klar«, sagte ich schnell. »Ich mach was mit Finanzen.« Das klang in Filmen immer super und niemand stellte unnütze Fragen, weil niemand mehr über Finanzen hören wollte.
Hel sah mich ungläubig an und ich hielt ihren Blick, während ich fragend meine Augenbrauen hob.
»Finanzen, hm?«, sagte sie und seufzte leise. »Gut, Chloe. Ich kann dich bis Everridge in Pennsylvania mitnehmen, denn dort wohne ich. Das ist nur einige Stunden von der Ostküste entfernt.« Sie warf mir erneut einen Blick aus dem Augenwinkel zu. »Kommt natürlich darauf an, wo genau an der Ostküste du Freunde hast.«
Ich presste meine Lippen aufeinander und starrte aus der Windschutzscheibe.
Sie nickte langsam. »Von dort aus sollte es möglich sein, per Anhalter zur Küste zu gelangen.« Sie hielt kurz inne. »Oder«, fuhr sie schließlich fort, »falls du lieber was anderes tun willst, als deine Freunde zu besuchen und an deinen Finanzen zu arbeiten«, ihr Mundwinkel zuckte, doch sie sah mich nicht an, »könntest du einen Job in meiner Bar annehmen. Ich suche verzweifelt eine weitere Kellnerin. Jana beschwert sich ständig über die viele Arbeit.«
Mein Kopf flog herum und ich sah sie mit offenem Mund an. »Du willst mir einen Job geben?«
Hel zuckte mit einer Schulter. »Natürlich nur, wenn du ihn haben willst. Ich verstehe, wenn du lieber zu deinen Freunden an …«
»Ich nehme den Job.«
Sie grinste wissend. 
»Natürlich kann ich dann nicht bei meinen Freunden an der Ostküste leben«, sagte ich nach einigen Minuten und starrte angestrengt auf meine Finger. »Wenn die mehrere Stunden von deiner Bar entfernt ist, meine ich.« Ich warf ihr einen kurzen Blick aus dem Augenwinkel zu. »Also brauche ich eine Wohnung dort. Hm …« Ich warf ihr noch einen Blick zu, doch sie konzentrierte sich aufs Fahren. »Ich werde mich sofort nach meiner Ankunft nach einer Wohnung umschauen«, fuhr ich fort. »Meine Freunde geben mir sicher ein kurzzeitiges Darlehen. Leider sind meine eigenen Ersparnisse gerade sehr knapp, da ich ja erst seit Kurzem mit den Finanzen arbeite.« Ja, das klang echt super. Ich war so eine gute Geschichtenerfinderin. »Aber das sollte alles kein Problem sein. Ich finde schon eine Wohnung, damit Jana nicht mehr alles alleine machen muss in deiner Bar. Und ich lerne wirklich schnell. Ich bin bestimmt eine große Hilfe für sie. Und wenn …«
»Wenn du endlich aufhörst zu reden, kann ich dir vielleicht sagen, dass ich eventuell weiß, wo du wohnen kannst«, unterbrach Hel mich und ich schloss meinen Mund.

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