Wann ich Nein sagen darf

Als ich angefangen habe, Machtlos zu schreiben, wusste ich ehrlich gesagt nicht, was passieren würde. Ich wusste nicht, dass ich anscheinend ein Thema in ein Fantasybuch einbaue, das dort normalerweise nicht zu finden ist – sexueller Missbrauch.
Erst durch zahlreiche Rückmeldungen von Leserinnen ist mir bewusst geworden, dass dies anscheinend ungewöhnlich ist. Meine Beweggründe dafür waren allerdings weniger ungewöhnlich und eigentlich sehr einfach: Das Thema liegt mir sehr am Herzen und mein Buch sollte eine Botschaft haben, also habe ich es angesprochen. Ob es zu einem Fantasyroman passte, darüber habe ich ehrlich gesagt nicht ein einziges Mal nachgedacht.

Ich beschäftige mich bereits seit Jahren mit diesem Thema und durch Bücher, Artikel und Gespräche mit Betroffenen lerne ich fortwährend dazu und verstehe immer neue Aspekte und Sichtweisen. Dadurch erweitert sich mein Verständnis für dieses schwierige Thema immer mehr und manchmal lerne ich, gewisse Dinge, die ich glaubte, verstanden zu haben, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – denn es gibt so viele. Ein einziger Grundsatz ist für mich allerdings unumstößlich und ändert sich nie:

Nein heißt Nein.

Jeder Mensch hat das Recht auf Selbstbestimmung. Nur ich darf entscheiden, was mit meinem Körper geschieht, wann es geschieht und mit wem es geschieht. Niemand hat das Recht, mir diese Entscheidung abzunehmen. Wenn ich Nein sage, heißt das Nein. Das ist nicht diskutabel und kann nicht in Frage gestellt werden. Selbst wenn ich erst eingewilligt habe, habe ich immer das Recht, es mir anders zu überlegen. Auch dann heißt ein Nein immer noch Nein.

Dies ist ein Grundsatz an den ich aus tiefster Überzeugung glaube und es schockiert mich, dass dies dennoch so oft in Frage gestellt und anscheinend von vielen auch missverstanden werden will. Wieso müssen wir uns für ein Nein rechtfertigen? Wieso müssen wir erklären, warum wir es uns anders überlegt haben? Wenn ich etwas nicht will, dann ist das meine Entscheidung, ob jemand anderes meine Beweggründe versteht oder nicht, ist dabei vollkommen irrelevant.

Das mag jetzt hier so einfach klingen, doch mir ist durchaus bewusst, dass die Realität komplizierter aussieht. Leider ist auch heute das sogenannte „victim blaming“ immer noch sehr präsent.

Du hast einen kurzen Rock getragen? Natürlich fassen andere dich an.
Du warst zu betrunken, um dich zu wehren? Dann solltest du wohl deinen Alkoholkonsum überdenken.
Jemand hat dir K.O-Tropfen in deinen Drink geschüttet? Wieso hast du nicht besser auf dein Glas aufgepasst?

Die Liste ist endlos und jedes dieser Argumente gibt die Schuld immer der gleichen Person: Dem- oder derjenigen, die offensichtlich nicht gut genug aufgepasst hat. Aber das ist der falsche Fokus.

Sollten die Fragen nicht eigentlich lauten:
Wieso hast du ihn/sie angefasst, ohne um Erlaubnis zu bitten?
Wieso hast du nicht erkannt, dass er/sie zu betrunken war, um einzuwilligen?
Wieso hast du K.O.-Tropfen verwendet?

Wieso haben die Opfer von sexuellen Übergriffen es in unserer Gesellschaft immer noch schwerer als die Täter? Wieso fühlen sich so viele schuldig?
Weil die Gesellschaft es ihnen so vorgibt. Weil es Kurse gibt, in denen man lernt, sich zu verteidigen (was gut ist!) aber es gibt keine Kurse in denen Menschen beigebracht wird, was genau „Nein heißt Nein“ bedeutet. Opfer werden geschult, Täter entschuldigt. Und hier liegt eines der Probleme.

In meinen Büchern habe ich versucht, einige dieser Themen aufzugreifen. Mir ist dabei absolut bewusst, dass Ebbys Umgang mit dem Thema nicht universell anwendbar oder richtig ist. Es gibt viele verschiedene Wege, damit umzugehen, und solche Erlebnisse zu verarbeiten. Auch die Reaktionen von Ebbys Umfeld sind nicht immer korrekt, genau wie die Reaktionen von realen Personen nicht immer perfekt sind. Ich habe beim Schreiben eng mit Betroffenen zusammengearbeitet, um eine möglichst realistische Darstellung zu gewährleisten. Aber der Weg jedes einzelnen ist individuell, und Ebbys Weg ist nunmal ihr Weg, mit all den Fehlern und Unsicherheiten, die wir Menschen nunmal mit uns bringen.

Aber ich kann euch alle nur ermutigen: Traut euch, laut zu sein. Traut euch, eurer Meinung Gehör zu verschaffen. Seid niemals still im Angesicht von Unrecht.
Denn nur zusammen können wir es schaffen, dass unsere Stimmen gehört werden und letztendlich zu einem Wandel führen.

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